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Musik in der Nikolaikirche
Die Stadt - und Pfarrkirche St. Nikolai - St. Johannis ist Leipzigs größte Kirche.

Von Alters her war die Kirchenmusik von St. Nikolai eng verbunden mit der Nachbarkirche St. Thomas.
Obwohl die Nikolaikirche als die Hauptpfarrkirche Leipzigs galt, besaß sie doch keinen eigenen Kantor.
 
Der Kantor an der Thomasschule hatte die Verantwortung für die Kirchenmusik an den Hauptkirchen St. Nikolai und St. Thomas sowie an der Neuen Kirche St Mathhäi und der Peterskirche.

In den 27 Jahren von Johann Sebastians Wirken in Leipzig (1723-1750) als "Director musices" haben in der Nikolaikirche etwa 100 Kantatenaufführungen mehr als in der Thomaskirche stattgefunden.

Bei der Rückschau auf die jahrhundertelange Geschichte der Kirchenmusik in St. Nikolai trifft man unter den Organisten auf manchen bekannten klangvollen Namen.

Für einen der fruchtbarsten und populärsten Komponisten seiner Zeit, Johann Rosenmüller (1619-1684, Nikolai-Organist von 1651-1655), bestand die Aussicht auf die Übernahme des Thomaskantorates. Er musste aber - skandalumwittert - schon 1655 Leipzig verlassen.

Sein Nachfolger Adam Krieger (1634-1666), Verfasser von Kirchenkantaten und ungezählten Ariensammlungen, machte sich in seinen Leipziger Jahren (1655-1657) als Organist der Nikolaikirche nicht nur um die Orgel, sondern auch um die Figuralmusik verdient.

Der vielseitige und kompositorisch produktive August Eberhard Müller (1767-1817), Schüler des Bückeburger Johann Christoph Friedrich Bach, fand bei seinem Amtsantritt 1794 die gerade fertiggestellte neue Orgel der Gebrüder Trampeli aus Adorf vor und erlebte das Ende des klassizistischen Kirchenumbaus (bis 1797). 1804 trat Müller die Nachfolge J. A. Hillers als Thomaskantor an.

Siebzehn Jahre, von 1837-1854, hat der Polyhistor Carl Ferdinand Becker (1804-1877) das Amt des Nikolaiorganisten ausgeübt.
Der vielseitige Musikschriftsteller, Sammler und Komponist gehörte 1843 zu den ersten Lehrern des neugegründeten "Conservatoriums der Musik" in Leipzig.

Seit dieser Zeit wurde die Nikolaikirchen-Orgel oftmals für die Abschlussprüfungen der jungen Orgel-Examinanten des Konservatoriums genutzt, in denen regelmäßig u.a. Beckers Orgelkompositionen und später die der nachfolgenden Nikolaiorganisten erklangen.

1854 wurde der Leipziger Hermann Schellenberg (1816-1862) als Nachfolger seines Lehrers C. F. Becker zum Nikolaiorganisten berufen. Er war durch die vorherige Tätigkeit an mehreren Leipziger Kirchen mit den Orgelverhältnissen der Stadt bestens vertraut und in der ganzen Region ein gesuchter Orgelvirtuose.

1855 lernte Schellenberg die neuerbaute Ladegast-Orgel des Merseburger Doms kennen und spielte bei deren Einweihungskonzert am 26.September eine seiner großen expressiven romantischen Orgelkompositionen, die FANTASIE für die Orgel "Ein feste Burg ist unser Gott" op. 3.

Seiner unermüdlichen Initiative ist es zu danken, dass bei Friedrich Ladegast auch für die Leipziger Nikolaikirche ein großes Orgelwerk in Auftrag gegeben wurde.
Schellenbergs erste Vorschläge an die Leipziger Behörden zur Konzeption und Disposition eines dringend notwendig werdenden Orgelneubaus stammten schon aus dem Herbst 1855.
Beratende Sachverständige für das sich nach Schellenbergs Vorstellungen und Wünschen immer mehr ausweitende Unternehmen waren während der langen Bauzeit der Dresdner Hoforganist Johann Gottlob Schneider und der Weimarer Orgelpapst Johann Gottlob Töpfer.

Eine neuerliche bauliche Erweiterung der Orgelempore erwies sich als notwendig, um Platz für den gegenüber der alten Trampeli-Orgel wesentlich größeren und verbreiterten Orgelprospekt zu gewinnen.

Schellenberg berichtete in der Neuen Zeitschrift für Musik in seinem Artikel "Mittheilungen über die von Hrn. Friedrich Ladegast zu erbauende große Orgel in der Nicolaikirche zu Leipzig" (Band 52. No. 13, S. 115) über dieses "Meisterwerk" der Bauleute, die in einem komplizierten technischen Verfahren sogar Säulen versetzt hatten.

Schellenberg hat die Vollendung seines großen Orgel-Neubauprojektes nicht mehr erleben können. Er starb, erst 45-jährig, am 31. August 1862 nach nur achtjähriger Amtszeit als Nikolai-Organist.

Es blieb seinen Zeitgenossen überlassen - der Magdeburger Domorganist August Gottfried Ritter spielte am 12.April 1863, wie in der Neuen Zeitschrift für Musik, Band 58, No. 16, S. 135 zu lesen ist, in der Nikolaikirche bei einer Musikaufführung in memoriam Schellenbergs Pastorale für die Orgel - und bleibt noch heute ein lohnendes Unterfangen, Schellenbergs wirkungsvolle, großflächige und harmonisch neue Wege erprobende romantische Orgelkompositionen auf der Ladegast-Orgel der Nikolaikirche und auf anderen romantischen Orgeln zum Klingen zu bringen.

Nach der Fertigstellung fand unter allgemeiner Anteilnahme der Leipziger Bevölkerung (die Zeitschrift "Signale für die musikalische Welt" 1862, S. 687, sprach von 3000 Zuhörern!) am 30. November 1862 das erste große "Concert zu Ehren der neuerbauten Ladegast-Orgel" statt.

Der neuernannte Nikolaiorganist Ernst Friedrich Richter (1808-1879) brachte als Eröffnungsstück seine festliche "Fantasie und Fuge a-mol" zu Gehör.

Richter, der angesehene Lehrer einer internationalen Schülerschar am Leipziger Konservatorium seit Mendelssohns Zeiten, Verfasser vieler theoretischer Lehrwerke, war ein exzellenter Orgelpraktiker und konnte in den Gottesdiensten auf der neuen Ladegast-Orgel eine große Zahl seiner Kompositionen zu Gehör bringen.
So hat er die Kirchenmusik an St. Nikolai sechs Jahre lang geprägt bis zu seiner Berufung als Thomaskantor im Jahre 1868.

Die Nikolai-Orgel wurde neben ihrer Funktion im Gottesdienst bald zum begehrten Konzertinstrument für Orgelvirtuosen aus der Nähe und der Ferne.

Nikolaiorganisten an der Ladegast-Orgel:

Ernst Friedrich Richter (1862-1868)
Robert Papepritz (1868-1899)
Karl Heynsen (1900-1926)
Karl Hoyer (1926-1936)
Walter Zöllner (1936-1942)
Johannes Piersig (1942-1959)
Wolfgang Hofmann (1959-1993)
Jürgen Wolf (seit 1993)

Anne Marlene Gurgel