Heilig Kreuz Link
Nikolaikirche Tab
Die Ereignisse im Herbst 1989 Drucken E-Mail
"Nikolaikirche - offen für alle"
war im Herbst 1989 zu einer Wirklichkeit geworden, die uns alle überraschte. Sie vereinte schließlich Menschen aus dem ganzen Gebiet der ehemaligen DDR: Ausreisewillige und Neugierige, Regimekritiker und Stasileute, kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und SED-Genossen, Christen und Nichtchristen unter den ausgebreiteten Armen des gekreuzigten und auferstandenen JESUS CHRISTUS.

Sich das vorzustellen, reichte angesichts der politischen Realität zwischen 1949 und 1989 die Phantasie nicht aus. Nun war es Wirklichkeit. Genau 450 Jahre nach Einführung der Reformation in Leipzig, 176 Jahre nach der Völkerschlacht bei Leipzig - nun wieder Leipzig.

Seit dem 8. Mai 1989 wurden die Zufahrtsstraßen zur Nikolaikirche durch Polizei kontrolliert und blockiert. Später wurden dann schon die Zufahrtsstraßen und Autobahnabfahrten nach Leipzig großräumig unter Kontrolle gehalten bzw. für die Zeit des Friedensgebetes gesperrt. Die staatlichen Behörden verstärkten ihren Druck, die Friedensgebete abzusetzen oder wenigstes von der Nikolaikirche weg an den Stadtrand zu verlegen. Montag für Montag Verhaftungen bzw. "Zuführungen" im Zusammenhang mit den Friedensgebeten. Dennoch steigender Andrang der Besucher, bis die 2.000 Plätze unserer Kirche nicht mehr ausreichten.

So kam der alles entscheidende 9. Oktober heran.
Was für ein Tag!

Ein schauriges Gewaltszenario von Armee und Kampfgruppen, Polizei und Stasileuten in Zivil war aufgeboten. Aber der Auftakt war ja bereits am 7. Oktober erfolgt, dem 40. Jahrestag der DDR.

An diesem Tag schlugen 10 Stunden lang Uniformierte auf wehrlose, sich nicht wehrende Menschen ein, transportierten sie ab in Lastwagen. Hunderte von ihnen wurden in Markkleeberg in Pferdeställe gepfercht. Auch war rechtzeitig ein Artikel in der Zeitung erschienen, dass nun endlich mit der "Konterrevolution" Schluss gemacht werden müsse, "wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand."

So sah es dann am 9. Oktober auch aus.

Im übrigen hatte man noch etwa 1.000 SED-Genossen in die Nikolaikirche beordert, von denen bereits gegen 14 Uhr etwa 600 das Kirchenschiff füllten.

Sie hatten ihre Aufgabe wie die regelmäßig und zahlreich in Friedensgebeten vorhandenen Stasileute. Aber was man nicht eingeplant, woran man nicht gedacht hatte: Man setzte ja damit diese Menschen zugleich dem Wort, dem Evangelium und seiner Wirkung aus!

Ich habe es immer auch positiv gesehen, dass die zahlreichen Stasileute Montag für Montag die Seligpreisungen der Bergpredigt hörten. Wo sollten sie diese sonst hören können?

Und so hörten diese Menschen alle, unter ihnen die SED-Genossen, das Evangelium von JESUS, DEN sie nicht kannten, in einer Kirche, mit der sie nichts anfangen konnten.

Sie hörten von JESUS,
DER sagte: "Selig die Armen!" Und nicht: Wer Geld hat, ist glücklich.
DER sagte: "Liebe deine Feinde!" Und nicht: Nieder mit dem Gegner.
DER sagte: "Erste werden Letzte sein!" Und nicht: Es bleibt alles beim alten.
DER sagte: "Wer sein Leben einsetzt und verliert, der wird es gewinnen!" Und nicht: Seid schön vorsichtig.
DER sagte; "Ihr seid das Salz!" Und nicht: Ihr seid die Creme.

So ist dieses Friedensgebet in einer unglaublichen Ruhe und Konzentration vonstatten gegangen.

Kurz vor dem Schluss, vor dem Segen des Bischofs, wurde noch der Appell des Gewandhauskapellmeisters Professor Masur und anderer verlesen, der unsere Aufrufe zur Gewaltlosigkeit unterstützte.
Wichtig auch diese Gemeinsamkeit in einer solch bedrohlichen Situation, die Verbundenheit zwischen Kirche und Kunst, Musik und Evangelium. So ging dieses Friedensgebet zu Ende mit dem Segen des Bischofs und der eindringlichen Aufforderung zur Gewaltlosigkeit.

Und als wir, mehr als 2.000 Menschen, aus der Kirche kamen - den Anblick werde ich nie vergessen -, warteten Zehntausende draußen auf dem Platz. Sie hatten Kerzen in den Händen. Und wenn man eine Kerze trägt, braucht man beide Hände. Man muss das Licht behüten, vor dem Auslöschen schützen. Da kann man nicht gleichzeitig noch einen Stein oder Knüppel in der Hand halten.

Und das Wunder geschah.

Der GEIST JESU der Gewaltlosigkeit erfasste die Massen und wurde zur materiellen, zur friedlichen Gewalt. Armee, Kampfgruppen und Polizei wurden einbezogen, in Gespräche verwickelt, zogen sich zurück.

Es war ein Abend im GEIST unseres HERRN JESUS, denn es gab keine Sieger und Besiegten, es triumphierte niemand über den anderen, keiner verlor das Gesicht.

Es gab nur das ungeheure Gefühl der Erleichterung.

Nur wenige Wochen dauerte die gewaltlose Bewegung und brachte doch die Partei- und Weltanschauungsdiktatur zum Einsturz.

"ER stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen" -
"Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch MEINEN GEIST geschehen, spricht der HERR":

Das haben wir miterlebt.Tausende in den Kirchen. Hunderttausende auf der Straße um das Stadtzentrum.

Nicht eine zerstörte Schaufensterscheibe. Die unglaubliche Erfahrung der Macht der Gewaltlosigkeit.

Sindermann, der dem Zentral-kommitee der SED angehörte,
sagte vor seinem Tod:
"Wir hatten alles geplant. Wir
waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete."
Der Osterlichtbaum in der
Nikolaikirche - ein Symbol
der friedlichen Revolution
von 1989



Die Friedensgebete gehen weiter. Einen Kreis "Hoffnung für Ausreisewillige" brauchen wir nicht mehr. Einen Kreis "Hoffnung für Arbeitslose" umso dringender. Daraus ist die Kirchliche Erwerbsloseninitiative an der Nikolaikirche entstanden.

So bleibt die Nikolaikirche, was sie war:
Ein Haus des JESUS CHRISTUS, ein Haus der Hoffnung, ein Refugium und Zelle des Aufbruchs.

Pfarrer i.R. Christian Führer