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Baugeschichte der Nikolaikirche

 

Die Anfänge der Nikolaikirche verlieren sich im Dunkel. Sicher geht man nicht fehl, wenn man ihre Gründung im engsten Zusammenhang sieht mit dem Entstehen einer Kaufmannssiedlung auf dem Areal um die heutige Nikolaikirche herum, entlang der via imperii, der heutigen Reichsstraße.


Um 1165
erhält Leipzig das Stadtrecht. Vielleicht ist dieses Ereignis der letzte Anstoß für die ansässigen Kaufleute zum Bau der Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai als eine steinerne, dreischiffige Basilika mit einer für die Romanik typischen Doppelturmanlage als Westwerk.


madonna
Madonna-Statue

Vielleicht, weil die Nikolaikirche auf einem Friedhofsgelände errichtet wurde, lag die Vermutung nahe, dass sie eine Vorläuferkirche besaß. Aber archäologische Untersuchungen in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ergaben diesbezüglich keine Hinweise.

Die Ostapsis erhielt zu Beginn des 14. Jh. gotische Gestalt mit den für diesen Baustil typischen hochaufragenden Spitzbogenfenstern und dem Fünfachtel-Schluss der Fensteranordnung. Dann wurde die Nordkapelle angebaut, sie können wir heute noch bewundern mit ihrer klaren Geometrie der Gotik.



1452 erhielt die Nikolaikirche ihre erste Glocke, Osanna, reich verziert mit Darstellungen des Gekreuzigten und der vier Evangelisten, des Hl. Martin und des Schutzpatrons dieser Kirche, des Hl. Nikolaus.
Praktischem Bürgersinn folgend, läutete diese Glocke nicht nur die Gottesdienste ein, sondern sie wurde auch als Feuerglocke genutzt:
Der Turm der Nikolaikirche war bis zum Jahre 1916 die "Feuerwache" der Stadt Leipzig.


1476 wurde die Südkapelle im gotischen Stil an die Kirche angebaut.


1496 vollendete der Architekt Pflüger den Neubau der Thomaskirche als gotische Hallenkirche. Nach dem gotischen Umbau anderer Ordenskirchen der Stadt entschloss sich 1507 die Bürgerschaft, auch ihrer "Stadt- und Pfarrkirche" ein neues, "moderneres" Aussehen zu geben.
Vermutlich hat dazu auch Pflüger die Pläne entwickelt, aber als am 23. März 1513 die Grundsteinlegung für den gewaltigen Umbau erfolgte, war Pflüger bereits verstorben und der Baumeister Benedikt Eisenberg führte den Umbau unter Beibehaltung des Westwerkes und des bereits gotischen Ostchores durch.


lutherkanzel

Um 1520 wurden die Außenmauern vollendet, 1521 die  Sandsteinkanzel am dritten Pfeiler geweiht - sie ist als "Lutherkanzel" noch heute in der Nordkapelle zu bewundern. Wahrscheinlich erfolgte bis 1522 die Errichtung der oktaedrischen Säulen, und am 31. Mai 1525 weihte der Merseburger Bischof die neue gotische Hallenkirche.


Hier ein kleiner Rückblick:

Der Stadt Leipzig war im Jahre 1395 das Recht vom Papst erteilt worden, eine städtische Knabenschule zu errichten, zu deren Bau es aber erst im Jahre 1512 kam: die Nikolaischule gegenüber der Nikolaikirche, die heutige "Alte Nikolaischule". Aus diesem Grunde erhielt im Jahre 1511 die Nikolaikirche eine Uhr im Nordturm mit einem Zifferblatt an der Nordseite dieses Turms. Uhr und Zifferblatt wurden später in den Mittelturm verlagert, die Uhr selbst befindet sich heute noch dort. Eröffnet schließlich wurde die Nikolaischule am Nikolaustag des Jahres 1512, am 6. Dezember.
Soviel zur Nikolaischule, der die Nikolaikirche ihre Turmuhr verdankt.


Nach Entwürfen von Hieronymus Lotter wurde 1555 in das Westwerk unter Leitung von Paul Speck der Mittelturm eingefügt. Die barocke Turmhaube (Entwurf von Michael Senckeisen) erhielt der Mittelturm in den Jahren 1730 bis 1731, also in einer Zeit, als Johann Sebastian Bach auch in der Nikolaikirche seinen Dienst versah. Als man die Turmhaube aufsetzte, hob man den Turm auf die heutige Höhe an. Vermutlich wurde die Statik des alten romanischen Gemäuers außer Acht gelassen, jedenfalls musste wegen Baufälligkeit in den Jahren 1758 bis 1759 das alte romanische Säulenportal ersetzt werden durch das heute noch vorhandene schlichte barocke Eingangsportal. Reste des alten romanischen Säulenportals, die man 1902 in der Außenfassade fand, wurden im Südturm eingemauert. Übrigens hatte Lotter bereits eine Türmerwohnung im Mittelturm vorgesehen und bei der Anhebung des Turms erfolgte der Einbau einer zweiten Wohnung, beide waren sie bis zum Jahre 1935 bewohnt: Der letzte Türmer, Karl Pospich, verstarb 1932, sein Hilfsglöckner Ernst Robert Schurich kam 1935 in ein Altersheim.


Die Gestaltung des heutigen Innenraumes der Nikolaikirche geht auf Friedrich Dauthe zurück, der, einer Anregung des französischen Architekturtheoretikers Laugier folgend, von 1784 bis 1797 alles Gotische  entfernte oder überformte und so aus einer gotischen Hallenkirche einen klassizistischen Predigtsaal schuf. Den neuen Bilderschmuck dafür gestaltete Friedrich Oeser, der seine Bilder ausschließlich für den Eingangsbereich und den Altarraum konzipierte.


Die letzten baulichen Veränderungen der Nikolaikirche, die auf einen 1901 ausgeschriebenen Architektenwettbewerb zurückgingen, betrafen ausschließlich die Außenwände. Sieger dieses Wettbewerbs waren die Architekten Georg Weidenbach und Richard Tschammer, die von 1901 bis 1902 unter Beibehaltung des spätgotischen Baukörpers der Nikolaikirche eine geschlossene Außenfassade gaben. Im Zusammenhang mit diesen Baumaßnahmen erhielt 1902 der Altarraum als wesentliche gestalterische Elemente vier Passionsreliefs von Felix Pfeifer.


Architektonisch ist die Nikolaikirche seither nicht mehr verändert worden, wohl aber erfolgte von 1968 bis 1993 eine umfassende Restauration und Sanierung sowohl des Innenraums der Kirche (wobei im Wesentlichen die Farbgebung nach Dauthe angestrebt wurde) als auch des Daches und der Außenfassade.


Der Erfolg diese Mahnahmen war leider nur von kurzer Dauer, Ursache dafür waren wohl die unzureichenden Dachsanierungen, so dass schließlich bis 2000 Nord- und Süddach erneut gedeckt werden mussten. Verbunden damit war der Einbau einer Photovoltaikanlage, mit der die Gemeinde St. Nikolai - St. Johannis ein Zeichen setzen will für eine umweltbewusste Energieanwendung.


Im Jahre 2001 fasste der Kirchenvorstand von St. Nikolai-St. Johannis den Beschluss zur Sanierung und technischen Erneuerung der Ladegastorgel einschließlich einer umfassenden Sanierung des Innenraums der Kirche als erforderliche Vorleistung für den Wiedereinbau der erneuerten Orgel. Die Arbeiten wurden im Oktober 2004 beendet: Die feierliche Wiedereinweihung von Sachsens größter Orgel in einem würdigen Kirchenraum fand am Reformationstag 2004 statt.

 

Dr. Günter Thiel