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Nikolaikirche - offen für alle

1981 gelang in der Nikolaikirche der Versuch, der gerade in Ost und West entstandenen Protestbewegung gegen die Stationierung der Mittelstreckenraketen, der "Friedensdekade", in Leipzig Raum und Gehör zu verschaffen.

In einer 22-Uhr-Andacht mit etwa 120 Jugendlichen im Altarraum der Kirche, unter ihnen ein großer Anteil Nichtchristen, kam bei der Kerzenmeditation alles aus den Jugendlichen heraus, was quälte und wütend machte. Eine ungeheuer befreiende Wirkung breitete sich aus.

Geburtsstunde der Offenen Stadtkirche

Kirche als Freiraum, geistig und quadratmetermäßig, in einer Gesellschaft, die alles vorschreibt und kontrolliert: Das ist es!
Wenn wir die Kirche öffnen für alle, die draußen zum Verstummen gebracht, die diffamiert oder gar inhaftiert werden, dann kann niemand mehr auf den Gedanken kommen, die Kirche sei eine Art religiöses Museum oder ein Tempel für Kunst-Ästheten. Sondern dann ist JESUS real präsent in der Kirche, weil wir zu tun versuchen, was JESUS tat, und was ER will, dass wir's heute tun. Das ist die Geburtsstunde der OFFENEN STADTKIRCHE.

Keine Konzeption, am Schreibtisch entwickelt. Sondern entstanden mit den Menschen, die die Kirche aufsuchten. Die Kirchentüren auf! Die geöffneten Türflügel einer Kirche sind wie die ausgebreiteten Arme JESU: "Kommt her zu MIR, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ICH will euch erquicken!" Und sie kamen und kommen! Die Schwelle ist niedrig sowohl für Rollstuhlfahrer als auch für Atheisten.

 

Kein Eintritsgeld, kein Schein, Faltblätter in 13 Sprachen

Du brauchst keinen Eintritt oder Austritt zu bezahlen. Du musst keinen Schein vorweisen, weder den Tauf-, noch Firm- oder Konfirmationsschein. Wir wissen ja, wie oft der Schein trügt.

Im Sommer ist es angenehm kühl, im Winter wohltuend warm in der Kirche. Wer Christ ist, findet einen Platz, wo er in Ruhe beten kann. Wer kein Christ ist, findet Platz, um "die Seele ein wenig baumeln zu lassen".

Die Tafel "Information und Kommunikation" bietet Texte und Hinweise, die zum Nachdenken anregen. Bilder und Gegenstände in der Kirche sind schriftlich erläutert. Faltblätter in 13 Sprachen geben Antwort auf die am häufigsten gestellten Fragen - nach dem Kirchgebäude, den Friedensgebeten und den Ereignissen des Herbstes 1989 mit Kerndatum 9. Oktober.

Wechselnde Meditationstexte in den Kirchenbänken - nicht zu häufig, damit sich der Mensch nicht agitiert fühlt - sprechen uns an, wenn die Seele leer ist.

Den Büchertisch mit einem ausgewählten Angebot an Büchern und Bildern finden wir in einer Seitenkapelle des Kirchenschiffs.

Das häufige Orgelspiel durch Kantoren und Studenten begleitet uns gewissermaßen durch die ganze Kirche.

 

Gesprengte Fesseln

Im Mittelgang geht der Blick an den Säulen nach oben: Aufblicken, Aufatmen. Der aufrechte Gang wird vorstellbar und erfahrbar, jetzt wenn ich da stehe, sitze oder gehe.

Der Osterlichtbaum bietet die Möglichkeit, eine Kerze zu entzünden. Seine zerrissenen Eisenklammern lassen erkennen, daß hier in dieser Kirche die Fesseln der Angst, ja die Fesseln einer ganzen Weltanschauungsdiktatur gesprengt werden konnten, ohne Gewalt und Blutvergießen!

Auf dem Lesepult die aufgeschlagene Tageslosung: immer wieder bleiben Menschen einzeln oder zu zweit stehen, lesen, blättern.


Einladung in den Altarraum

Und dann sind wir an der Stelle angekommen, an der sich im Mittelalter der Lettner befand, der den Chorraum vom Kirchenschiff trennte.

Schon 1797 hatte man diese "Trennwand" herausgenommen, so dass der Blick in den Altarraum reicht. Die Tür im Altargitter haben wir noch herausschweißen lassen - daraus entstanden der Abendmahlsaltar und das Lesepult. Nun kann er nicht wieder zugehen, der Aufgang in den Altarraum! Und, was die Touristen und Gäste am meisten erstaunt, wo die trennende Kordel erwartet wird, finden wir das Schild: "Wir laden Sie ein in den Altarraum".

Nun stehen wir im schönsten Teil unserer Kirche. An den Wänden Darstellungen aus dem Leben von JESUS. Keine Fremdkörper wie steinerne Patronatsherren, Grabplatten oder gar Fürstenlogen, diese heimtückische Form der Gotteslästerung in Kirchen.
Sondern mit beiden Beinen stehen wir in der Bibel und können JESUS bewusst oder unbewusst in uns aufnehmen.

Beim Altar verweilend denken wir an die drei Gottesdienste an jedem Sonntag: den unserer Ev.-Luth. Gemeinde, den Universitätsgottesdienst und den der Röm.-Kath. Gemeinde. "Nikolaikirche - offen für alle" gilt nicht nur für Menschen aus aller Welt, sondern auch für die Schwestern und Brüder der anderen Konfessionen.

Tasse Kaffee in der Kirche

Von all den vielen Eindrücken erfüllt, entdecken wir schließlich den "Nikolaitreff", die Begegnungsstätte, die "Kontaktstelle" in der Kirche. Bei einer Tasse Tee oder Kaffee mit kompetenten Gesprächspartnern kommt es zu guten Gesprächen, so dass die Zeit wie im Fluge vergeht. Sogar der "Eintritt in die Kirche" wird (wieder) vorstellbar.

Ahnung vom Geist Jesu

Beim Herausgehen werfen wir einen Blick in das aufgeschlagene Gästebuch und können uns selbst noch äußern. Ein Kirchennachrichten-

blatt teilt uns mit, wann neben den Gottesdiensten das wöchentliche Friedensgebet, "Musik und Besinnung", Orgelkonzerte, Kirchen- und Turmführungen sowie alle anderen Veranstaltungen stattfinden.

Nun wissen wir, was alles in dieser Nikolaikirche geschah und geschieht. Viel ist hier gewagt und gesegnet worden.

Eine Ahnung vom GEIST JESU, der Berge versetzt, friedliche Revolutionen möglich macht und Menschen erneuert, erfasst uns und geht mit uns mit.

Pfarrer C. Führer